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Wie ich mich wie ein Ritter fühlte!

Mit dem Rollstuhl unterwegs in der Saale-Unstrut Region oder

der etwas andere Reisebericht!

Nein ich bin nicht mit dem Pferd in die Saale-Unstrut-Region eingeritten, mein Ross war mein Rollstuhl, auch hatte ich keine Rüstung an oder wollte gar einen Ort einnehmen. In meiner Begleitung befanden sich auch kein mir ergebenes Gefolge, sondern mein Weib und mein Sprössling. Wie ein Ritter fühlte ich mich dennoch. Woran das lag?

Naumburg und Naumburger Dom

Unser erster Ort, den wir bereisten war Naumburg, kaum im Zentrum der Stadt am Markt angekommen, fällt einem das beeindruckende alte Rathaus ins Auge, erbaut Ende des 15. Jahrhunderts und nach dem großem Stadtbrand 1517 in neun Jahren wieder aufgebaut. Dort haben wir uns erst mal in der ältesten Gaststätte der Stadt, dem Ratskeller, gelabt. Übrigens gibt es dort, am Rathaus, auch eine rollstuhlgerechte Latrine, die jederzeit mit dem Euroschlüssel (passt auf alle öffentlichen Toiletten für Menschen mit Behinderung) geöffnet werden kann.

Nach vorzüglichem Speis und Trank weiter zum Wahrzeichen der Stadt, dem Naumburger Dom, der seit 2018 zum Weltkulturerbe zählt. Erbaut wurde er größtenteils im 13. Jahrhundert, erste Teile gehen aber schon auf die erste Hälfte des 11. Jahrhunderts zurück. In dieser Zeit hat man sich noch keine Gedanken über Barrierefreiheit gemacht. Heute im 21. Jahrhundert ist das anders. Die allermeisten Räume und Gebäude des Doms sind auch mit einem Ross wie meinem gut zu erreichen. Bei den Gebäuden und Gebäudeteilen die nicht gut erreichbar sind, wolle man noch weitere Möglichkeiten prüfen. Manches sei aber wegen des Denkmalschutzes schwer umsetzbar. Um den Dom auf die Bedingungen für Barrierefreiheit des 21. Jahrhunderts anzupassen, ist sicher noch so manch kreative Lösung gefragt. Auf jeden Fall hat sich der Besuch aber gelohnt, ein imposanter Bau und zu Recht Weltkulturerbe.

Insgesamt hat die Stadt Naumburg viel Charme und das nicht nur wegen des Doms und des Rathauses. Ein Grund warum ich mich aber auch immer wieder wie ein Ritter fühlte, war das in den meisten historischen, mittelalterlichen Städten all gegenwärtige Kopfsteinpflaster in allen Facetten, mal gröber mal feiner. Ich persönlich kann damit ganz gut leben, zumal es in meiner Heimatstadt auch reichlich davon gibt und einen Teil des Charmes historischer Stätten ausmacht. Nach einer längeren Tour durch die Stadt, spürte ich aber jeden einzelnen Knochen in meinem Körper, eben wie ein Ritter nach einem langen Ritt in Rüstung. Die Mühe war es aber allemal wert.

Merseburg und Merseburger Dom

Eine sehr ähnliche Erfahrung machte ich mit der Stadt Merseburg und seinem Wahrzeichen, dem Merseburger Dom. Auch hier besticht die Stadt durch ihre alten und gut erhaltenen und zum Teil restaurierten Gebäude. Der Dom selbst ragt, auf einer leichten Anhöhe gelegen, über der Stadt hinaus und wirkt in sich geschlossen, umso mehr hatte ich das Gefühl mich in einer andere Welt und Zeit zu befinden. Auch hier sind fast alle Teile des Doms gut berollbar, wenn auch wie schon gewohnt über Kopfsteinpflaster. Dafür kann man, wenn man mit seiner motorisierten Kutsche (Auto) anreist und einen Berechtigungsschein besitzt (Parkausweis) direkt vor dem Eingang kostenlos parken.

Da sowohl der Naumburger als auch der Merseburger Dom über eine Stiftung verwaltet und erhalten werden, wird jeweils am Eingang ein kleiner Obolus in Form von ein paar Talern verlangt. Was zu verschmerzen ist, wenn man bedenkt wie viel Geld der Erhalt solcher Gebäude verschlingt. Für Ritter wie mich und Begleitung, gibt es nach Vorlage des entsprechenden Dokuments (Schwerbehindertenausweis), ermäßigte Preise.

Herzoglicher Weinberg in Freyburg

Was macht ein Ritter mit Gefolge nach der Besichtigung so schöner Ortschaften in der Saale-Unstrut Region? Richtig, er fährt mit der Kutsche entlang an Weinberger und Burgen um ein schönes Weingut zu finden. Da wir vorab schon einen Tipp bekommen hatten, brauchten wir natürlich nicht lange zu suchen. Und so gelangten wir zum Herzoglichen Weinberg Freyburg. Dort wurden wir sehr freundlich von der Wirtin empfangen, die uns nicht nur einen tollen Wein servierte sondern uns, bei nettem Zusammensein, alles über die Kunst des Weinbaus und der Weinkultur erzählte. Außerdem erfuhren wir viel über die besondere Lage des nördlichsten Weinanbaugebiets Deutschlands und dessen Geschichte. Es war ein toller Abend, in netter Gesellschaft. Wir saßen in der Abendsonne im Garten des Weinbergs, mit direktem Blick auf den Weinberg. Der Garten ist barrierefrei zu erreichen. Genau das Richtige, für einen Gennussmenschen wie mich. Hier hätte ich ewig verweilen können.

Arche Nebra

Nun denn, es standen aber noch andere Ziele an. Unter anderem die Arche Nebra am Mittelberg. Auch diese kann man mit der Kutsche gut erreichen, wenn man über die schon erwähnte Berechtigung verfügt. Dies ist auch zu empfehlen, da man sich so einen langen und anstrengenden Weg hinauf spart. Das Gebäude die Arche Nebra, in der auch regelmäßig Sonderausstellungen zu sehen sind, entführt einen erst einmal in die Moderne. Ein großes, modernes, imposantes Gebäude das wie in den Berg gemeißelt zu sein scheint. Die Geschichte dahinter führt einen aber wieder 3600 zurück, in die Entstehungszeit der Himmelsscheibe von Nebra und einer untergegangen Kultur Europas. Nicht nur die Himmelsscheibe und ihre Entstehungsgeschichte sind spannend und lehrreich. Ebenso spannend ist ihre Entdeckung durch Grabräuber und wie sie wieder in die öffentliche Hand gelangte. Wer Spaß an spannenden und historischen Geschichten hat, dem empfehle ich den Spiegel Bestseller, Die Himmelsscheibe von Nebra von Harald Meller und Kai Michel. Den Kern der Arche Nebra bildet das Planetarium, welches auch rollstuhlgerecht ist und in dem man in die Welt der Astronomie und der Himmelsscheibe eintauchen kann. Auch hier sollte man einen Besuch nicht verpassen!

Modellbahn Wiehe

Wer in eine ganz andere Welt eintauchen und einen Spaß für die ganze Familie erleben möchte, der kommt an einem Ausflug zur Modellbahn Wiehe nicht herum. Hier wird auf 12000 qm alles präsentiert was des Modelleisbahners Herz höher schlagen lässt. Von Europa, China, USA und vieles mehr gibt es hier alles, in unterschiedlichen Maßstäben, zu bestaunen. Eine mit viel Liebe zum Detail entwickelte Anlage, bis hin zum Gebäude selbst, welches einem alten Bahnhof nachempfunden wurde. Überall zu spüren ist auch, wie sehr sich die Mitarbeiter mit dem Projekt identifizieren, gerne beantworten sie jede Frage freundlich und geduldig. Ein tolles und absolut barrierefreies Erlebnis.

Geiseltalsee

Es soll aber ja auch Menschen geben, die einfach mal ruhig und bequem bei einem Heiß- oder Kaltgetränk an einem See sitzen, einen netten Spaziergang entlang des Ufers machen und danach noch ein bisschen auf den See fahren möchten. Die sollten unbedingt einen Abstecher zum Geiseltalsee machen, dieser lädt an der Marina Mücheln zum gemütlichen Verweilen ein. Auf dem Wasser gibt es reichlich Freizeitangebote, die allerdings nicht barrierefrei oder nur bedingt barrierefrei sind. Wie eine Fahrt auf der MS Geiseltalsee, auf die man zwar gelangt, aber als Rollstuhlfahrer keinen Zugang zu den Decks hat. Hier würde ich mir eine Nachbesserung wünschen.

Fazit

Gerade in Zeiten von Corona erleben oder haben wir erlebt, wie eingeschränkt der Tourismus ist oder war. Gerade international. Meine Erkenntnis durch meine vielen Reisen ist, dass es zwar im internationalen Vergleich noch einige Schwächen im Bereich Barrierefreiheit in Deutschland gibt. Immer mehr Regionen aber nachziehen und sehr bemüht sind dies auszugleichen. Dies halte ich auch für extrem wichtig, denn wie meine Reise in die Saale-Unstrut Region gezeigt hat, gibt es Wunderschöne absolut Sehenswerte Regionen in Deutschland bei denen sich ein Besuch lohnt und Genuss, Geschichte und Spaß bieten.

An dieser Stelle möchte ich mich noch bei Frau Carmen Sasum bedanken, die diese Reise organisiert und möglich gemacht hat und beim Saale-Unstrut-Tourismus e.V..

Links:

www.saale-unstrut-tourismus.de, www.naumburger-dom.de, merseburger-dom.de, www.himmelsscheibe-erleben.de, www.modellbahn-wiehe.de, www.herzoglicher-weinberg.de, www.geiseltalsee.de

4 Antworten auf „Wie ich mich wie ein Ritter fühlte!“

Herzlichen Dank für diese Reisebeschreibung. Die vielen Tipps sind für mich als Rollifahrerin einfach eine große Erleichterung. Die mühsame Suche nach Informationen über Reise-, Aktivitäts- und Einkehrmöglichkeiten wird mir so abgenommen. Wunderbar! Und zur Himmelsscheibe wollten wir schon lange!

Ein sehr prägnanter Bericht, der – auch ohne Rolli- meine Lust auf Naumburg/Merseburg geweckt hat.Danke, Jürgen!

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